Wahrnehmung oder Wertung? – ein Gedankenspiel.

In einem körperorientierten Coaching, ist es essenziell, die  Wahrnehmung des Körpers erst einmal zuzulassen und anschließend zu vertiefen und zu üben.

Meine Aufgabe als Embodiment-Coach ist es dabei, den Fokus meiner Klient:innen auf der Wahrnehmung zu halten und den Coachee nicht in die Wertung abgleiten zu lassen.

Dazu habe ich heute mal ein bildhaftes Gedankenexperiment zur Unterscheidung von Wahrnehmung und Wertung gewagt.

Viel Spaß beim Lesen!

Inhaltsverzeichnis:

Das Szenario

Ich sitze gemütlich bei einem Cappuccino in einem kleinen, schnuckeligen Café gegenüber von dem gezeigten Hochhaus (s. Beitragsbild) und frage mich, was für Menschen wohl in diesem Haus wohnen könnten?

Während ich so vor mich hin sinniere, schreibe ich die Szene – in 2 Variationen – folgendermaßen auf:

Die Wahrnehmung

Ich mache folgende Beobachtung:

Vom Ende der Straße nähert sich ein Mann, ca. 35 Jahre alt. 

Er trägt einen hellgraue Anzughose, ein weißes Hemd, bunte Socken und schwarze Schuhe. Die Haare sind gestylt.

Er macht, im Vergleich zu den anderen Passanten, große schnelle Schritte. 

Sein Kopf ist nach vorne geneigt, während er geht. Er blickt auf ein Handy, das er in der linken Hand hält. Die Finger seiner rechten Hand tippen schnell auf dem Display.

Vor dem Hochhaus bleibt er stehen, geht dann auf den Eingang zu und gibt über die Tastatur neben der Tür einen Code ein, der ihm Zutritt zum Gebäude verschafft.

Ich sehe noch, wie er im gläsernen Foyer den Aufzug betritt.

Ein paar Minuten später gleitet mein Blick an der Fassade des Hochhauses nach oben.

Dort sehe ich denselben Mann im 5. Stockwerk, an die Balkonbrüstung gelehnt, wie er telefoniert.

Punkt. Ende.

Mehr gibt es – rein objektiv und beschreibend – zu der Szene nicht zu sagen.

Die Wertung

Wie sich die gleiche Szene ganz anders beschreiben lässt:

Ach, guck mal, da kommt wieder so einer von diesen jungen Yuppie-Karriere-Schnöseln. Wie alt mag er wohl sein? Circa 35?

Diese kurzen, engen Anzughosen, die die jungen Männer heutzutage tragen, finde ich ja grauenvoll. Dazu die buntgemusterten Socken und die auf Hochglanz polierten, schwarzen Spitzenschuhe. Ne, ne, schlimmer geht’s ja nimmer!

Wie viel Kilo Haarwachs mag der sich heute Morgen wohl auf seine betonierte Frisur geschmiert haben? Das hat doch absolut nichts mit Nachhaltigkeit zu tun!

Und natürlich hat er das neueste Handy in der Hand und tippt unglaublich wichtig auf der Tastatur herum.  Mensch, geht denn heute wirklich gar nichts mehr ohne Handy?

Das ist so ein Typ, der könnte GENAU in das Hochhaus gegenüber passen.

Ich kann mir seine Wohnung schon en Detail vorstellen:

Ein riesiger, weiß-steriler Raum mit einer stylishen Küche darin, die natürlich über sämtlichen Luxus wie Hochleistungskaffeeautomat, Edelstahlkühlschrank mit Eiswürfelbereiter, Gasherd, etc., pp, verfügt.  Trotzdem wird die Küche natürlich nie benutzt, denn schließlich ist es bequemer, die Sushi vom Japaner um die Ecke zu bestellen als selbst zu kochen. Kochen kann DER ja sowieso nicht!

Ansonsten ist die Wohnung nur spärlich möbliert, ein paar stylishe Ledersessel, natürlich schwarz, kombiniert mit Designer-Beistelltischchen aus Glas und Edelstahl. Hochglanz-Idylle!

Mich fröstelt es schon, wenn ich nur daran denke. Alles ist zwar voll durch gestylt, aber nichts ist persönlich.

Klar, er kommt ja auch nur zum Essen und Schlafen in sein Refugium.

Wahrscheinlich ist er Banker und karrieregeil.

Für eine Beziehung oder gar eine Familie bleibt da natürlich keine Zeit.

Und am Wochenende ist Party angesagt. Im teuersten Club der Stadt. Und um überhaupt ausspannen zu können, braucht er wahrscheinlich ein paar Pillen … 

Ja! Das sind genau die Menschen, die in solchen Häusern leben! Wusste ich’s doch!

Ich schaue nach oben – 5. Stock. Er steht auf dem Balkon und telefoniert. Natürlich. Was sonst?!

Du merkst – diese Ausführung hat mit Objektivität, Toleranz und einem achtsamen Blick natürlich rein gar nichts mehr zu tun.

Disclaimer: Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt. Außerdem entsprechen die geschilderten Klischees und Vorurteile ausdrücklich nicht meiner persönlichen Meinung, sondern dienen rein der schriftstellerischen Freiheit ☺️ 

Was lässt sich daraus lernen?

Ich finde dieses Gedankenspiel höchst interessant!

Denn – seien wir doch mal ehrlich – wie oft gleiten wir in unserem Alltag in die Wertung von Situationen, Personen oder gar uns selbst ab? Abseits von jeglicher Realität.

Oder noch krasser:

Wie oft erzählen wir uns Geschichten, die überhaupt nicht der Realität entsprechen, sondern einfach nur kraft unserer Gedanken, Erfahrungen, Vorurteilen oder uralten Glaubenssätzen in uns entstehen.

Dennoch nehmen wir sie als wahr für uns an und halten sie faktisch für unsere Realität beziehungsweise machen sie letztendlich dazu?

Und zu guter Letzt verknüpfen wir diese Gedanken noch mit Emotionen.

Von der Realität bleibt dann aus einer Situation oder Begegnung oft nicht mehr viel übrig.

Das führt zu Spannungen oder Konflikten.

Wir lassen uns triggern und fangen an zu (be)werten, zu interpretieren und zu (ver)urteilen.

Deswegen stelle dir gerne immer wieder die Frage, ob du wahrnimmst oder wertest!

Und gönne dir dabei den Blick von außen, den sogenannten Perspektivwechsel!

Mit einer geschulten Wahrnehmung wirst dich entspannter und gelassener durch den Alltag bewegen können, das verspreche ich dir.

Ganz besonders lohnenswert ist es dabei natürlich, deinen eigenen Körper realistisch wahrzunehmen. Denn er ist Teil deiner persönlichen Realität. Und mit einer geschulten Körperwahrnehmung kannst du für deine gesunde Realität die besten Ergebnisse erzielen.

Wie geht Körperwahrnehmung?

Ganz einfach:

Spüre genau hin!

Frage dich: Was fühle ich?

Wie fühlt sich dein Kopf an? Wie dein Rücken, deine Beine? Wie ist deine Temperatur? Fühlen sich deine Hände eher kalt oder warm an? Wie stehen deine Füße auf dem Boden? Fühlt sich deine rechte Seite gleich an wie die linke Seite? Wo gibt es Unterschiede? 

Wenn du dich gestresst fühlst, wo sitzt der Stress? Eher im Kopf, im Rücken, im Schulterbereich oder im Bauch? Kannst du loslassen? Wie ist dein Muskeltonus?

WAS SPÜRST DU? WO SPÜRST DU ES?

All das sind Fragen, die du dir zur Körperwahrnehmung stellen kannst.

Es klingt so simpel, was es letztendlich auch ist. Dennoch haben wir Körperwahrnehmung vielfach verlernt!

Mit Feldenkrais-Übungen, zum Beispiel, kannst du Körperwahrnehmung ganz gezielt und differenziert wieder lernen.

Sprich mich gerne an, wenn du mehr dazu wissen möchtest.

Probier's doch mal aus!

Vielleicht magst du zukünftig einfach mal darauf achten und dir diese gezielten Fragen zur Körperwahrnehmung in einer ruhigen Minute während des Tages stellen.

Ergänzend kannst du dann noch weiter forschen, ob deine Gedanken und Empfindungen gerade deiner Realität entsprechen oder ob du dir einfach nur Geschichten erzählst?

 Willst du es mal ausprobieren? Es lohnt sich!

Schildere deine Erfahrung doch gerne in den Kommentaren oder schreib mir eine Nachricht!

Viel Spaß und gute Erkenntnis mit deiner Körpererfahrung!

Die Idee zu diesem Gedankenspiel

Die Idee zu diesem Artikel ist übrigens im Schreibkurs „Verborgene Schätze“ bei Jane von Klee entstanden. Die Aufgabe lautete, anhand des Bildes eines Hauses die Überlegung anzustellen, welche Menschen dort wohl wohnen könnten.

Danke,  Jane, für die tolle Übung, die mich zu diesem Artikel inspiriert hat. 🙏🏻

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